Interview mit Rudolf Gutjahr

“Ich habe mit Kaiser Franz im Fleischmann Karten gespielt“

Der SC Wörthsee ist am 1. Mai 1949 gegründet worden und feiert damit in diesem Jahr sein 70-jähriges Jubiläum. Die Gründung des damals noch „Fussball Club Steinebach“ genannten Vereins fand im Gasthof Raabe in Steinebach statt. Gründungsgmitglieder waren Bernhard Straubinger (1. Vorstand), Hans Gutjahr (2. Vorstand), Josef Dachinger (Kassier) und Heinrich Klostermeier (Schriftführer) sowie 27 weitere männliche Mitglieder über 18 Jahre.

Wir haben das Jubiläum zum Anlass genommen und möchten in den vier Ausgaben des Vereinsmagazins aus der Chronik des Vereins erzählen. Die erste Folge berichtet von Rudolf („Rudi“) Gutjahr. Er und Karl („Joe“) Wipper sind seit fast 62 Jahren im SC Wörthsee und damit die langjährigsten Mitglieder unseres Vereins.
 

Rudi Gutjahr mit seinen Urkunden für 60-jährige Mitgliedschaft beim SC Wörthsee und im Männergesangverein

 

Rudi Gutjahr ist wie Karl Wipper „offiziell“ am 1.8.1957 in den damaligen FC Steinebach eingetreten. Fussball gespielt haben sie aber schon vorher. Im vergangenen Jahr ist Rudi 80 Jahre alt geworden. Grund genug ihn zu besuchen und mit ihm über die alten Zeiten des SC Wörthsee zu plaudern. Rudi’s Onkel Hans Gutjahr war sehr lange 2.Vorstand des Vereins.

Rudi ist als junger Fußballer in der Schülermannschaft gestartet, hat dann in der Jugend gespielt und es bis zur 2. Mannschaft gebracht. Der erste Fußballplatz war „Am Egerer“, der auf dem Weg zum Golfplatz rechts liegt. Der Platz „war schön grad und wurde mit der Hand gemäht“, erzählt uns Rudi Gutjahr. Als Umkleide stand eine Blechgarage zur Verfügung.  Zum Training hat Rudi nur selten Zeit gehabt. Er hat beim Vater als Maurer gearbeitet und dann das Kohlegeschäft von ihm 1960 übernommen. „Aber am Sonntag habe ich zum Spiel immer frei bekommen“ berichtet er stolz.

Sein größtes Erlebnis war das Aufstiegsspiel in der Jugend gegen Inning, wo er das einzige Mal als Mittelstürmer gespielt hat und das „goldene Tor“ zum 1:0 geschossen hat. Rudi spielte die längste Zeit als Torwart in der 2. Mannschaft. „Nur die Torwarthosen gab es vom Verein, den Rest wie Schuhe, Knieschoner, Handschuhe, Pullover mussten wir selbst mitbringen.“

„Während der Besatzungszeit hat uns ein Amerikaner („ich glaube er hieß Mr. Schmidt“) mit Schülertrikots ausgestattet. Der war sehr kinderfreundlich“. Ärgerlich war allerdings, dass die Trikots falsch mit „FC Steinbach“ beschriftet waren. „Der wollte die gleich wieder zurücksenden. Ich habe die Nummer 10 getragen“ erzählt er uns. Sein Trikot ist nach dem „Herleihen“ an einen anderen Mitspieler leider nie wiederaufgetaucht.

Gespielt wurde in der Ammersee-Gruppe, aber nur im Sommer. „Im Winter gab es noch mehr Schnee als heuer“ sagt Rudi. Er ist zur Maurer-Lehre zum Kaindl nach Breitbrunn mit den Skiern gefahren. „Eine Stunde vorher musste ich los“.

Die Jugend-Mannschaft ist immer mit den Radel zum Spiel gefahren. „Da war man gleich gut aufgewärmt“. Straßen gab es damals noch nicht. Und die Ami-Trucks waren sehr gefährlich. „..da haste scho wegspringen müssen“ erzählt uns Rudi.

„Fussball war damals die Sportart Nr.1“, berichtet Rudi. 1954 sind die Kameraden Buchner, Straubinger und Graf „mit dem Motorradl“ zum WM-Endspiel nach Bern gefahren. „Wir haben das Endspiel bei einem Waldfest des Männergesangvereins mit einer Radioübertragung live erlebt“. Nach dem Sieg „wurde im Nu der ganze Schnaps zusammengesoffen“ und groß mit Tanz gefeiert, erinnert sich Rudi lebhaft. Als Geschenk erhielt er von den Dreien ein rotes Halstuch mit den Unterschriften aller WM-Spieler. Leider ist es verloren gegangen….

Später hat man unten am See auf dem Platz vom „Plabst August“ gespielt (neben dem heutigen Rathaus). Dort gab es auch ein Häusl, das in viel Eigenarbeit mit Papa Gutjahr, dem Tatzel Hans, dem Joseph Wastian, dem Birtzele Alois u.a. gebaut wurde. „Und der Metzgermeister Straubinger Bernhard (der auch 1. Vorstand war) hat uns ab und zu eine Brotzeit gebracht“. Ein Amt beim Verein hat Rudi nie gehabt. „Es langt, wenn ich gearbeitet habe“, sagt er. Und Rudi hat immer viel gearbeitet beim Vater und „an dem Sportplatz und dem Häusl da unten am See“, der sogar eine Drainage hatte.

Am See folgten viele schöne Fußballspiele vor großem Publikum. Der Platz war ja zentral im Ort.  Nach dem Spiel ging es zum Waschen in den See. Und das Tollste war: der FC Bayern hat diesen schön gelegenen Sportplatz über lange Zeit als Trainingslager genutzt. „2x pro Woche sind die hier angetanzt.“ Nach dem Training ging es zum Fleischmann zur Brotzeit und zum Schafkopf spielen. „Ja, und ich habe mit Franz Beckenbauer sogar Karten gespielt“, erzählt uns Rudi etwas stolz. „Wir haben zu viert gespielt. Der Franz war ganz leger, nicht überspannt“. Franz Beckenbauer hat später auch im Fleischmann (heute Augustiner) „seine Brigitte“ geheiratet.

Rudi kannte Robert Schwan, der auch in Steinebach wohnte, sehr gut. Robert Schwan war nämlich Kohlevertreter und Rudi kaufte bei ihm die Kohlen für sein Geschäft.

Später wurde Robert Schwan Manager vom FC Bayern und vom Kaiser Franz. „Als die Bayern a bisserl höher worden sein, sind die nicht mehr gekommen“, erzählt Rudi. Neben Beckenbauer waren noch Roth, Schwarzenbeck und Maier dabei. „Autogramme haben wir uns nicht geholt, dazu haben wir keine Zeit gehabt“, sagt er. „Auch die Alte Herren Mannschaft von 1860 München spielte in Steinebach am See.“ ergänzt Rudi.

Damals wurde auch auf zwei Platten Tischtennis im Wörthseeblick gespielt. „Da hab ich gerne zugeschaut und ich hab’s auch probiert, aber dafür war ich zu langsam“, erinnert er sich. „Eine Frau Apel hat das damals sehr gesponsort.“

Rudi Gutjahr’s Fussballkarriere ging nur bis zum 21. Lebensjahr, da er ins Geschäft des Vaters musste. Er hat 51 Jahre und einen Monat „durchgearbeitet“, 44 Jahre davon im eigenen Geschäft. Am 30. Sept. 2003 musste er abrupt aufhören. Eine Herzerkrankung hat ihm zum „Langsamtreten“ gezwungen.

Später hat Rudi noch mit Nordic Walking „früh um sechs“ angefangen. Seit 1957 ist er auch im Männergesangverein, der 1951 gegründet wurde, der 1. Tenor.  Wegen einer Lungenentzündung musste er hier leider vor einiger Zeit aufhören. Rudi war außerdem auch gerne beim Eisstockschießen. Jeden Sonntag-Mittag ging es auf‘s Eis „bis es Nacht war“.

Und wie ging’s weiter beim SC Wörthsee? Irgendwann war die Zeit des Fußballplatzes an der Seestraße vorüber. Man hatte sich leider mit dem Eigentümer zerstritten, worauf die Pacht gekündigt wurde. Übrig geblieben ist das Vereinsheim gegenüber der heutigen Wasserwacht, das heute noch dort steht.

Wir danken Rudi Gutjahr herzlich für den „Ausflug in die Geschichte des SC Wörthsee “ und das Interview, das wir am 10. Januar 2019 bei ihm zuhause geführt haben und wünschen ihm für die Zukunft alles Gute und natürlich immer beste Gesundheit.

Weitere Geschichten zur Geschichte des SC Wörthsee folgen in den nächsten Ausgaben.

Hans-Erdmann v. Roedern und Matthias Fiedel