Interview mit unserem Ehrenmitglied Dirk Marsen

„Plötzlich war ich Schriftführer – und das 42 Jahre lang“

In Teil 1 unserer kleinen Chronik zum 70-jährigen Jubiläum haben wir Rudi Gutjahr interviewt, der zusammen mit Karl Wipper mit 62 Jahren die langjährigsten Mitglieder unseres Vereins sind.

Dieses Mal haben wir Dirk Marsen besucht, der von 1970 – 2012 sagenhafte 42 Jahre Schriftführer des SC Wörthsee war. Begleitet wurden wir von unserem Ehrenvorsitzenden Herbert Gerber, der mit Dirk viele Jahre sehr erfolgreich im Vorstand eng zusammengearbeitet hat.

Dirk kam als Fußballer vom KSV Hessen Kassel nach Bayern und trat am 15.10.1967 als 25-Jähriger in den SC Wörthsee ein. Seine Frau Bärbel hatte in Hechendorf eine Stelle als Lehrerin gefunden.

1967 gab es nur die Sportarten Fußball und Tischtennis, das im Alten Wirt in Etterschlag und im Pfarrsaal gespielt wurde.

Nachdem Dirk’s Knie vom Fußball „ruiniert“ war, zog es den Allround- und Ausdauer-Sportler (Turmspringen, Rudern, Schwimmen, Klettern, Skilanglauf bis zu 90km) in andere Bereiche. 1970 wurde Dirk auf der SCW-Mitgliederversammlung im damaligen Vereinslokal „Gifthütte“ zum Schriftführer gewählt. „Das flog mir irgendwie zu“, erzählt uns Dirk. Damals hatte der Verein noch 150 Mitglieder. Im Hauptjob war er über 25 Jahre Personalratsvorsitzender an der LMU München.

„Damals war der Kassier noch ein Kassier“ erzählt uns Herbert Gerber. Jedes Quartal ist unser Kassier, der Hans Reute, zu jedem einzelnen Mitglied nachhause gegangen und hat die Beiträge bar kassiert. Jedes Mitglied hatte damals noch einen Ausweis, in dem die Beitragsmonate abgestempelt wurden. Herbert Gerber hat 1961 als 14-jähriger Fußballer in der Jugend des SC Wörthsee begonnen. “Offiziell“ wurden Mitglieder damals erst mit 16 Jahren in der Mitgliederstatistik erfasst, weil sie dann wahlberechtigt waren. „Das ist die Erklärung dafür, dass unsere altgedienten Mitglieder heute ein paar Jahre zu spät geehrt werden“, bemerkte unser Ehrenvorsitzender mit einem Schmunzeln.

Dirk erinnert sich spontan besonders an folgende Ereignisse seiner mehr als 50-jährigen Mitgliedschaft:

  • Den Rücktritt des 2. Vorsitzenden Felbinger kurz nach seiner Wahl, weil seine Frau damit nicht einverstanden war
  • den Verlust seines Eherings beim Fußball-Training auf dem Sportplatz unten am Wörthsee. (die gemeinsame Suche aller Spieler und der Mutter war leider erfolglos)
  • viele schöne Faschingsbälle und Sommerbälle im Strandhotel Fleischmann (s. Bild)
  • die vorrübergehende Konkurrenz des FC Etterschlag, der damals viele Fußballer vom SCW abgezogen hat
  • 1970: Umbenennung des FC Steinebach in SC Wörthsee e.V.
  • an den 27. August 1972, als 7 Aktive des SCW in einer Lauf-Stafette das olympische Feuer auf der B 12 vom Inninger Berg bis zu der Auffahrt Grünsink trugen
  • 1973: Eröffnung des neuen Sportplatzes und Fertigstellung des Sporthäusl mit einen Spiel gegen 1860 München, das 2:20 verloren ging
  • Vorstandssitzungen mit viel Zigarettenrauch in dem kleinen Holzhäusl am See See (steht noch immer dort!).
  • an einen Wirt, der mit den Einnahmen bei einem Vereins-Jubiläum spurlos verschwunden ist.
  • 1990: Eva Huber wird bayerische Marathonmeisterin für alle Altersklassen. Eva lebt heute in Österreich und ist immer noch Mitglied beim SC Wörthsee
  • 1995 erringt Ingrid Tippelt bei den Senioren-Weltmeisterschaften der Leichtathleten in Buffalo/USA im 10km Crosslauf die Bronzemedaille, Silber im Marathon und Gold in der Marathon-Mannschaftswertung
  • dass alle 3. Klassen von Wörthsee gleichzeitig beim Sportabzeichen-Wettbewerb erfolgreich mitgemacht haben
  • dass Dirk in einem Spiel gegen den Gemeinderat von der Mittellinie aus ein Tor geschossen hat (lt. seiner Aussage „mit Ansage“ 😊)
  • an die die „Hoch“-Zeit des Tischtennis 2003/2004: die Tischtennis-Mädchen, angeführt von der heutigen Nationalspielerin Sabine Winter, gewannen sensationell u.a. die bayerische Meisterschaft, süddeutsche Vizemeisterschaft und die deutsche Meisterschaft!
    Leider fiel das Team direkt danach auseinander, weil alle Spielerinnen von größeren Clubs abgeworben wurden.

1967 beim Vereins-Maskenball im Fleischmann
Links unten: Edi Hellmeier mit Frau Rosi, rechts oben Dirk Marsen mit Frau Bärbel

 

 

Dirk hat im Laufe seiner langen Amtszeit viel Innovatives und Neues beim SCW eingeführt, wie z.B.:

  • 1983 die Einführung von Datenverarbeitung für die Mitgliederverwaltung mithilfe eines Commodore 64 und der Software „dBase“.
  • die Umstellung der Beitragszahlung auf Bankeinzug
  • 1996 die Einführung der ersten SCW-Homepage (Anmerk. „Dirk’s Homepage“ wurde erst in diesem Jahr durch eine neue Homepage abgelöst)
  • die Durchführung der ersten „self-made“ Triathlons am Wörthsee zusammen mit Walter Hanke (ohne Streckenposten etc.)
  • Einführung und Herausgabe der Vereinsnachrichten mit einem Portrait auf der letzten Seite

Neben seiner Tätigkeit als Schriftführer war Dirk auch noch Übungsleiter im Allgemeinsport und Sportabzeichen-Prüfer. (Anmerkung des Autors: heuer wurde der SC Wörthsee zum 1. Mal für die meisten Sportabzeichen im Landkreis Starnberg geehrt.) Dirk war nebenbei auch ein passionierter Skifahrer, und hat als Bergsteiger viele Viertausender u.a. Mönch, Jungfrau und den Mont Blanc bestiegen.

 

Ein weiteres Highlight seiner Zeit beim SCW war 1975 die Einweihung der neuen Turnhalle an der Grundschule. Dirk führte eine Umfrage in der Gemeinde durch. Diese ergab, dass der SCW nun auch Turnen und Freizeitsport anbieten sollte. Das brachte schlagartig eine Erweiterung des Angebots und auch viele neue Mitglieder. Es zogen 4 neue Sparten (Judo, Damengymnastik, Konditionstraining und Volleyball) in die Halle ein. Die Zahl der Vereinsmitglieder sprang von 140 auf 450.

Sein Sportsfreund Werner Kastiunig führte in der neuen Sporthalle die Skigymnastik für Männlein und Weiblein ein. „Das gemeinsame Duschen war allerdings vom stellvertretenden Vorsitzenden nicht gern gesehen und wurde durch das Aufstellen einer Trennwand verhindert“, erinnert sich Dirk schmunzelnd.

Aber auch eine Erhöhung der Kosten war die Folge, weil nun eine Miete gezahlt werden musste.

Zu Dirk’s Leidwesen hatte die Gemeinde seinerzeit den SC Wörthsee nicht in die Bauplanung einbezogen, so dass bestimmte Sportarten wie Volleyball und Handball aufgrund zu geringer Maße nicht möglich waren. 1981 gründete Max Rüb dann doch eine Handball-Abteilung. Diese ging aber 1987 an den SC Wessling. 1984 gründeten Helga Leopold und Bernd Zobel im Gasthof Dietrich einen “Förderverein Mehrzweckhalle”, weil die Schulturnhalle zu klein geworden ist. Das Thema Förderverein sollte 20 Jahre später noch einmal eine wichtige Rolle in der Geschichte des SCW spielen.

Dirk engagierte sich auch überregional und war von 1983 – 1995 BLSV-Vorsitzender im Kreis Starnberg. In dieser Funktion hat er gegen das „Eichenauer Urteil „getrommelt“ und damit viele Vereine mobilisiert. Dieses Grundsatz-Urteil erlaubte den Gemeinden hohe Mieten für die Hallennutzung von den Vereinen zu verlangen.

Dirk setzte sich auch sehr für eine gerechte Sportförderung ein. Im Zusammenwirken mit dem damaligen Sportamtsleiter im LRA Starnberg Bernhard Frühauf sorgte Dirk als BLSV Kreisvorsitzender dafür, dass der Landkreis Starnberg ein fortschrittliches Förderungsprogramm einführte. Das soll dazu verwendet werden, qualifizierte Übungsleiter anzustellen. Diese Förderung gilt auch heute noch!

Für Herbert Gerber war Dirk Marsen der „wichtigste Mann“ in der Vorstandschaft. „Ohne Dirk ging nichts, man musste ihn auf seiner Seite haben“, erinnert sich Herbert.

Dirk ist zusammen mit Bernhard Frühauf einer der Väter des Starnberger Landkreislaufs, der 1985 gegründet wurde. Ursprünglich war der Landkreislauf ein Streckenlauf, der quer durch den Landkreis von Punkt A nach Punkt B ging.

Heuer wird der Lauf zum 35. Mal und anlässlich unseres 70-jährigen Vereinsjubiläums am 12.10. 2019 in Wörthsee durchgeführt. Mit rund 1.500 Teilnehmern ist es eine größten Sportveranstaltungen im Landkreis STA. Dirk hatte schon einmal den Landkreislauf nach Wörthsee geholt, nämlich 2006.

Die Gründer des Starnberger Landkreislaufes, der heuer zum 35. Mal in Wörthsee ausgetragen wird:
Bernhard Frühauf und Dirk Marsen

 

2006: Dirk holt den Landkreislauf nach Wörthsee

Dirk engagierte sich schon lange mit Herbert Gerber für ein neues Sportlerheim. Zusammen mit Albrecht Deyhle als Förderer und „Motor“, Jörg Steinert als Architekt, Arno Wischnewski als Baufachmann und vielen weiteren Mitgliedern wurde das größte Projekt in der Geschichte des SC Wörthsee tatkräftig angegangen. 2004 wurde ein Förderverein gegründet, der mit sehr kreativen Events Geld und Zuschüsse für das Vereinsheim sammelte und sehr sorgsam mit den Finanzen umging. In enger Abstimmung mit der Gemeinde ging man die Planung und den Neubau des neuen Vereinsheims (ADH = Albrecht-Deyhle-Haus) an. Das ADH wurde in der Rekordzeit von nur eineinhalb Jahren mit viel Eigenleistung erstellt. Grundsteinlegung war im Feb. 2005 und die Einweihung im Okt 2006. Mit großem Erfolg wurden Kursprogramme in Yoga, Ballett, Pilates, Wirbelsäulengymnastik und Energy Dance u.v.m. eingeführt, wodurch die Mitgliederzahl bald die Tausender-Grenze überschritt. Besonders wichtig war Dirk immer die Gewinnung von qualifizierten Übungsleitern/innen für den weiteren Ausbau des Kinder- und Jugendsports im Verein (Anmerk. des Autors: heute beschäftigt der Verein rund 60 Übungsleiter!).

Dirk hat während seiner Vorstandszeit außer mit Herbert Gerber mit vielen engagierten Mitgliedern sehr gut zusammengearbeitet. Neben vielen anderen fallen ihm spontan unser Ehrenmitglied Edi Hellmeier, Rudi Niembs und Arno Wischnewski ein. Edi agierte lange als Spieler, Fußball-Spartenleiter und Trainer im Verein. Rudi war lange Zeit überfachlicher Jugendleiter und „Multifunktions“-Trainer in den Bereichen Fußball, Judo, Mutter-Kind-Turnen und Tanzen. Genauso „flexibel“ war bzw. ist „unser Arno“, der Funktionen als Fußballtrainer, Spartenleiter, Platzwart, Hausmeister und zusammen mit seiner Frau Ilse als Wirt des Vereinsheims innehatte bzw. nach wie vor innehat.

Oktober 2006 wurden Architekt Jörg Steinert (2.v.l.), Fördervereinsvorsitzender Dr. Albrecht Deyhle und Arno Wischnewski vom BLSV-Kreisvorsitzenden Walter Moser (links) für ihren Anteil an der Verwirklichung des neuen Sportlerheims ADH mit Verdienstplaketten des Bayerischen Landes-Sportverbandes ausgezeichnet (rechts: Dirk Marsen)

 

Dirk denkt gerne und wehmütig an diese „goldene Zeit“ des SC Wörthsee zurück.

Er betonte, immer gerne ehrenamtlich gearbeitet zu haben, aber es war ihm auch wichtig, genügend Zeit zu haben, um selbst Sport treiben zu können. „…Ich habe nie an meinem Posten „geklebt“, ergänzt Dirk bescheiden.

10 Jahre nach einem schweren Autounfall traf es Dirk im Sommer 2007 erneut sehr hart. Er erlitt auf der Baustelle des Erweiterungsbaus des ADH während der Brotzeit einen Schlaganfall, der sein Leben total veränderte. Dirk’s vielfältige Funktionen und die des Schriftführers wurde von den Vorstandskollegen nahtlos übernommen. Das spricht für den guten Teamgeist im Verein.

Über 50 Jahre Vereinsarbeit und -geschichte auf wenigen Seiten zusammenzufassen, ist nahezu unmöglich. Es kann nur ein kleiner Ausschnitt dessen sein, was Dirk Marsen und der SC Wörthsee in dieser Zeit geleistet und erlebt haben.

 Festzuhalten bleibt, dass Dirk Marsen die Entwicklung des SC Wörthsee zum heutigen modernen Mehrspartenverein entscheidend mitgestaltet hat. Die frühzeitige Einführung der EDV, die Herausgabe der Vereinsnachrichten, der Internetauftritt, die Teilnahme am Landkreislauf und am Sportabzeichen-Wettbewerb und vieles andere sind ihm zu verdanken.
Dirk wurde im Mai 2012 folgerichtig anlässlich seines 70. Geburtstages zum Ehrenmitglied ernannt.

Mai 2012: Ernennung von Dirk Marsen zum Ehrenmitglied des SC Wörthsee
v.l.n.rechts: Edi Hellmeier, Brigitte Meyer, Bärbel und Dirk Marsen. Albrecht Deyhle und Herbert Gerber

 

 Wir danken Dirk Marsen und Herbert Gerber herzlich für den „kleinen Ausflug in die Geschichte des SC Wörthsee“ und das Interview, das wir am 6. Mai 2019 bei ihm zuhause geführt haben. Wir wünschen beiden für die Zukunft alles Gute.

Weitere Geschichten zur Geschichte des SC Wörthsee folgen in den nächsten Ausgaben unseres Jubiläumsjahres.

 

Hans-Erdmann v. Roedern und Matthias Fiedel